Kindheitserinnerungen
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Kindheitserinnerungen aus Kappadokien
Die Legende
der Karamanoğlu Moschee
Der Besuch des weisen Derwisch
Mein
Baby war gerade geboren, da starb mein Mann. Nie in meinem Leben, hatte
ich mich so einsam und allein gefühlt. Ich war noch sehr jung, 17 Jahre
alt. In diesem Jahr musste ich meine Sachen und die meiner kleinen
Tochter zusammen packen, um das Haus der Familie meines verstorbenen
Mannes, in dem ich seit der Hochzeit gelebt hatte, wieder zu verlassen.
Auf dem Weg zurück in mein Elternhaus wusste ich bereits, dass mein
Leben dort nicht leichter werden würde.
Schon als ich noch ein sehr junges Mädchen war, drängte mein Vater auf eine baldige Eheschließung und als dann die Düğün bevorstand, war er erleichtert, mich für unsere Verhältnisse gut verheiratet zu haben. Doch das Schicksal wollte es anders, und nun stand ich wieder vor seiner Tür. Die folgenden Wochen und Monate waren geprägt von Vorwürfen und harter Arbeit. Zwar konnte mein Vater eine zusätzliche Hilfe während der Ernte gut gebrauchen, doch als diese eingebracht war und die Vorräte für den Winter gelagert, gab es nicht ein gutes Wort mehr für mich. Dann, eines Tages, teilte er mir mit, dass ein neuer Mann für mich gefunden worden wäre und ich so bald als möglich bei ihm einziehen sollte. Mehr sagte er nicht. Ich ahnte, was auf mich zukommen sollte, doch meine Befürchtungen wurden noch übertroffen.Unter Tränen verabschiedete mich meine Mutter an der Haustür und ich wurde, nur von einer Tante und deren Freundin, nach Uçhisar begleitet. Es hatte keine Kına Gece, kein Kız Başı gegeben, ich hatte keine Geschenke bekommen und besaß fast keine Aussteuer. Ich war ängstlich und unglücklich und hielt mein Baby fest im Arm, als wir Uçhisar erreichten.
Meinen neuen Ehemann hatte ich nie zuvor gesehen und wusste deshalb auch nicht, dass er fünfundzwanzig Jahre älter war als ich. Der Ort, an dem wir von diesem Tage an leben sollten, bestand aus einem Höhlenraum für uns drei und einem weiteren, in dem unsere Kuh und ein Esel standen. Es gab weder elektrisches Licht, noch fließendes Wasser. Es war kalt. Da stand ich nun, meine Tochter noch immer fest im Arm haltend. In diesem Augenblick schwor ich mir: ‚Ich habe die Verantwortung für mein Kind und werde alles tun, damit es ihm einmal besser gehen wird..“Kein Tag unterschied sich von dem anderen. Ich verrichtete die Hausarbeit so gut ich konnte und versorgte die Tiere. Im Dorf kannte ich nur die Familie meines Mannes und es war auch schwer, daran etwas zu ändern, denn es war mein Mann der zur Çeşme ging um Wasser zu holen und auch das Brot durfte ich nicht im Fırın backen, sondern in unserem eigenen kleinen Ofen. Andere Frauen aus der Nachbarschaft bekam ich deshalb nur sehr selten zu Gesicht. Besuch bekamen wir nie, auch nicht von der Familie; ich glaube, mein Mann schämte sich sehr.
So vergingen drei einsame Jahre, bis wir es uns endlich leisten konnten, einen Raum vor die Höhle zu bauen, die wir bis dahin bewohnt hatten. Ich häkelte Gardinen für die Fenster und richtet das Zimmer hübsch ein. Schon bald kam die Familie das erste Mal zu Besuch und auch zur Çeşme und dem Fırın ging ich selbst. Bald kannte ich die Frauen aus der Nachbarschaft und schloss mit ihnen Freundschaft; endlich konnte ich mich auf den nächsten Morgen freuen. Wenn ich an diese schwere Zeit zurückdenke, dann weiß ich, daß ich mein Versprechen von einst gehalten habe. Nicht nur meine älteste Tocher ist gut versorgt, auch die anderen drei Kinder, die ich nach ihr geboren habe, sind gesund und haben längst ihre eigene Familie. Ihnen geht es viel besser, als es mir damals ergangen ist und darüber bin ich sehr glücklich.
Um mir selbst Mut zuzusprechen, habe ich während der ersten Jahre meines Ehelebens zu mir selbst sagen müssen: Man darf nie aufgeben, egal was passiert! Und heute, da ich alt bin, sage ich dies auch zu meinen Enkeln. Ich bin mir ganz sicher – dann nimmt alles ein gutes Ende. (Erzählerin, geb. 1939)
Immer,
wenn ich in unserer Mahalle die Jungen und Mädchen beim Spielen sehe,
erinnert ihr Lachen mich an die unbeschwerten Tage meiner Kindheit. Weder
Hitze noch Kälte, Regen oder Schnee, konnten uns daran hindern auf den
Straßen herumzutollen, die steilen Abhänge des Tals zu erkunden oder uns
in den Höhlen zu verstecken. Manchmal sammelten wir runde Steine um
damit Murmeln zu spielen, oder wir bastelten aus alten Stoffresten, die
wir mit einem dünnen Seil fest zusammenbanden, einen Ball. Mein
Lieblingsspiel jedoch war das ‚Schnicken’ von kleinen Scheiben. Wenn
irgendwo im Dorf ein Schaf geschlachte wurde, baten wir um die
Kniescheibe des toten Tieres und fertigten daraus eine dünne,
gleichmäßig runde Scheibe. Danach bemalten wir diese mit verschiedenen
Farben, damit jeder von uns Kindern das eigene Spielzeug wiedererkennen
konnte. Einige von uns waren sehr geschickt. Wir legten uns die bunte Scheibe auf den angewinkelten Zeigefinger und mit
dem Daumen ‚ein Schnick!’ und schon flog sie in hohem Bogen gegen die
Mauer. Meine eigenen Scheiben lagen zwar nicht immer am nächsten zur
Wand, doch ich hatte viel Spaß. So
beschäftigt, überhörten wir Kinder nicht selten das Rufen unserer
Mütter. Doch unser Spiel wurde sofort beendet, wenn wir unseren Lehrer
sahen. Dann rannten wir ihm entgegen und umringten ihn, denn wir wussten
genau, dass er in seine Hosentasche greifen und eine handvoll Leblebi
an uns verteilen würde, geröstete Kichererbsen. Aus
meiner Kinderheit erinnere ich mich hieran am besten, denn in diesen
Momenten war ich sehr stolz. Der Lehrer, den alle Kinder des Dorfes
mochten, war mein Vater. Als er im Alter von 25 Jahren starb, war ich
gerade einmal vier Jahre alt. Meine
Mutter tat gut daran, die Regeln meines Vaters weiterhin aufrecht zu
halten. Da er selbst eine gute Schulausbildung genossen hatte, bishin
als Lehrer zu unterrichten, war es sein Wunsch, dass auch seine Kinder
dieses Privileg erhielten. Deshalb lernte ich so gut ich konnte und
vertiefte mein Wissen durch ständige Wiederholungen des
Unterrichtsstoffes.
Mein fester Wille ermöglichte es mir die Schule nach fünf Jahren zu beenden, jedoch mit dem Abschlusszeugnis und Reifegrad des siebten Schuljahres. Ich weiß, dass mein Vater sehr stolz auf mich gewesen wäre (Erzähler, geb. 1928)
Als
ich noch ein Junge war, bekam ich meinen Vater nur selten zu Gesicht,
und oft hatte ich mich gefragt, warum er wohl nicht bei uns lebte. Meine
Mutter erzählte mir und meinen Geschwistern, dass das nicht immer so
war: Wie
die anderen Männer von Uçhisar bestellte mein Vater das Feld, brachte
die spärliche Ernte ein und versuchte so, uns alle gut zu versorgen.
Scheinbar reichte
dies nicht aus, denn eines Tages beschloss er, anderweitig Geld zu
verdienen und ging zu den Bauern, um seine Arbeit anzubieten – mein
Vater reparierte Düven. Früh am Morgen verließ er das Haus und kehrte
erst spät abends wieder zurück. Nun kümmerte sich meine Mutter neben
ihrer Hausarbeit auch um das Feld,
doch mit dem zusätzlichen Geld, dass mein Vater nach Hause brachte,
konnte sie wenigstens das Nötigste für uns kaufen. Eines Abends jedoch
warteten wir vergebens. Längst war es dunkel, doch mein Vater kam nicht
wieder nach Hause.Nicht
nur wir Kinder, auch meine Mutter vermisste ihn sehr. Ihr Blick wurde
jeden Tag trauriger und wir hatten nicht den Mut, sie wegen meines
Vaters zu fragen. Anscheinend hatten wir auch so verstanden, dass etwas
passiert sein musste, worüber sie nicht sprechen wollte oder konnte.Irgendwann,
es waren einige Monate vergangen, hörten wir in der Nacht Geräusche im
Haus und schlichen uns an die Tür unseres Zimmers um zu sehen, was
draußen im Hof vor sich ging. Wir öffneten die Tür einen Spalt breit und
waren sehr erstaunt, dass wir unseren Vater sahen. Er stand bei meiner
Mutter und die beiden flüsterten. Seine Kleidung war zerschlissen und
seine Schuhe verdreckt. Als ihm meine Mutter einen Beutel gab öffnete er
leise das Hoftor, huschte auf die Straße und schon war er in der
Dunkelheit verschwunden. Von
diesem Tag an kam er manchmal wieder nach Hause, immer in der Nacht,
heimlich. Meine Mutter sprach nie darüber. Sie gab ihm zu Essen, saubere
Kleidung und wenn wir am Morgen aufstanden, ließ nichts auf einen
nächtlichen Besuch schließen.
Jahre später, als wir alt genug waren um das Gerede im Dorf zu verstehen, wurde uns das Schicksal unseres Vaters bewusst. Für einen Fehler, etwas, was wir nicht zu hören bekamen, hatte man ihn für ‚vogelfrei’ erklärt. Von jenem Tag an lebte er in den Bergen und nur selten kam er zurück nach Uçhisar, um seine Familie zu sehen. (Erzähler, geb. 1923)
Ich
wurde nicht in Uçhisar geboren, und ich war auch noch zu klein, um mich
daran zu erinnern, wie wir hierher gekommen waren, doch eines werde ich
nie vergessen; die traurigen Augen meiner Mutter, wenn ich ihr Fragen
über die Vergangenheit stellte:Meine
Mutter war schwanger, als mein Vater starb. Er war noch sehr jung, doch
seine Krankheit ließ ihn bereits seit mehreren Jahren leiden. Nach dem
Tod meines Vaters wurden wir von meinem Großvater aufgenommen. Wie es
die Tradition vorschreibt, hatte er ab sofort er die Verantwortung für
uns. Für meine Mutter begann eine schwere Zeit. Das
Haus in Uçhisar war nicht viel mehr als ein Zimmer, in dem sich die
ganze Familie aufhalten musste. Man aß, arbeitete und schlief in dem
einen, kleinen Raum. Zwar gab es noch einige Höhlen, aber dort wurde die
Ernte gelagert und stand das Vieh. Dann wurde mein kleiner Bruder
geboren. Es wurde noch enger, und in der Nacht weinte das Baby oft. Zwar
machte man meiner Mutter keine Vorwürfe, aber die Stimmung wurde
gereizt, und oft kam es zum Streit. Eines
Morgens, es war noch sehr früh und der Muezzin hatte gerade eben erst
zum Morgengebet gerufen, wurden wir leise von unserer Mutter geweckt.
Sie gab uns unsere Kleider, die wir draußen anziehen mussten um
niemanden zu wecken. Als wir auf die Straße gingen, stand dort schon der
Esel, auf dem Rücken zwei große Körbe. Noch waren sie leer, doch als
wir am Abend nach Uçhisar zurückkehrten, waren sie gefüllt mit schweren
Steinen.
Von jenem Tag an begleitete ich meine Mutter, die meinen Bruder auf dem Rücken trug, in die nahe gelegenen Berge. Dort sammelten wir so lange herumliegende Steinbrocken, bis die Körbe gefüllt waren. Wieder und wieder machten wir uns auf diesen beschwerlichen Weg. Die Arbeit war hart und die Hände meiner Mutter waren grob und geschunden, sie selbst noch trauriger. Doch dann wurden ihre Bemühungen belohnt. Als wir genügend Steine gesammelt hatten, baute mein Großvater ein zweites Zimmer. Endlich hatte unsere Familie wieder ein eigenes, kleines Zuhause. (Die Mutter des Erzählers wurde geb. 1909)
Die Familie des kleinen Jungen lebt noch immer in dem Haus. Die Höhlen sind mitlerweile eingestürzt, doch heute gibt es viele, helle Zimmer.
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