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Das faule Mädchen
Türkische Märchen


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Das Märchenland Kappadokien

Umwoben von Märchen, Sagen und Legenden, erzählt man sich noch heute die Geschichten von Geistern und Feen, Sultanen und armen Bauern. Doch leider stirbt auch hier die Tradition des Geschichtenerzählens aus. Einige Erzählungen konnten niedergeschrieben werden. Lesen sie hier die Erzählungen der Ältesten des Dorfes Uçhisar und versinken Sie im Reich von Feen und Geistern, dem Märchenland Kappadokien.


Das faule Mädchen

Es war einmal vor langer Zeit, als das Sieb im Stroh war, als die Flöhe Berber waren, als die Kamele Makler waren, als ich in der Wiege meiner Mutter schaukelte, ein Ehepaar.
Dieses Ehepaar brachte ein Mädchen zur Welt. Das Mädchen wurde mit großer Sorgfalt erzogen, aber es lernte auch, nichts zu tun. Darum nannte man es auch "das Faule Mädchen". Es war so faul, dass es sogar nicht zum Aufstehen zu bewegen war. Ihre Eltern hatten für es einen Krabbelstuhl bauen lassen, indem es sitzend seine Tätigkeiten verrichten konnte.
Als das Mädchen in das heiratsfähige Alter kam, wurde sie einem Jäger zur Frau gegeben. Eines Tages ging der Jäger zur Jagd und brachte eine Gans nach Hause. Er säuberte sie und setzte sie auf den Herd. Als er wieder zur Jagd aufbrechen wollte, sagte er zu seiner Frau, dass er die Gans auf den Herd gestellt habe und sie aufpassen solle, damit sie nicht anbrenne. Das Faule Mädchen sagte nur "Ja", stand aber nicht mal von seinem Platz auf.
Nach geraumer Zeit kam ein Bettler an die Tür bettelte um eine Scheibe Brot. Das Faule Mädchen wies auf die Küche und sagte ihm, er solle sich doch selbst aus der Küche eine Scheibe Brot holen.
Als der Bettler in die Küche ging, sah er die Gans im Topf schmoren. Er nahm die Gans, steckte sie in seinen Beutel und ließ seine schmutzigen Bauernschuhe im Topf zurück. ... Er ging zum Mädchen zurück und bedankte sich für das Brot. Er fuhr weiter: "Nun möchte ich dir ein Lied singen, dann werde ich gehen."

Das Lied hatte folgende Worte:
Dein Schnabel ist im Beutel mein,
Meine Bauernschuhe in der Suppe dein,
Schlaf weiter in deinem Bettchen,
Den Schnabel esse ich allein im Wäldchen.

Nach diesem Lied ging der Bettler seines Weges. Es verging einige Zeit, als der Jäger nach Hause zurück kehrte. Er fragte seine Frau, ob die Gans fertig geschmort sei. Seine Frau erzählte ihm, was geschehen war und sang ihm das Lied des Bettlers. Der Jäger verstand sofort, was passiert war und schimpfte mit seiner Frau.
Daraufhin unterließ das Faule Mädchen seine Faulheit und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.

Das wertvolle Salz

Es war einmal vor langer Zeit, als das Sieb im Stroh war, als die Flöhe Berber waren, als die Kamele Makler waren, als ich in der Wiege meiner Mutter schaukelte. Dieses Märchen wird folgenderweise erzählt:
Es lebte einmal vor langer Zeit ein Sultan mit seinen drei Töchtern. Eines Tages rief der Sultan seine Töchter zu sich und fragte sie: "Wie sehr liebt ihr mich?". Die älteste Tochter antwortete: "So sehr wie die Welt." Die zweite Tochter sagte: "So sehr wie meine Arme." Die jüngste Tochter jedoch antwortete: "So sehr wie Salz."
Der Sultan erzürnte sehr über die Antwort seiner jüngsten Tochter und übergab sie dem Henker. Der Henker brachte das Mädchen in den Wald, um es zu töten. Aber das Mädchen flehte den Henker an: "Wie kannst du mir das antun? Bist du nicht auch Vater und hast ein Kind?"
Der Henker hatte Mitleid mit dem Mädchen und brachte es nicht übers Herz, es zu töten. An dessen Stelle tötete er ein Tier, beschmierte das Hemd des Mädchens mit dem Tierblut und brachte es dem Sultan.
Das junge Mädchen machte sich auf den Weg und nach einiger Zeit erreichte es ein Dorf. Es wurde dort Dienerin eines reichen Dorfbewohners. Es wuchs heran und wurde ein sehr schönes Mädchen, dessen Schönheit in aller Munde war. Ihr Schicksal wollte es, dass sie den Sohn eines anderen Sultans heiratete.
Nach langer Zeit erzählte es ihrem Mann, was es alles erlebt hatte und schlug ihm vor, ihre Familie zum Essen zu laden. Der Mann stimmte zu und es wurden die notwendigen Vorbereitungen getroffen.
Der Sultan, also der Vater des Mädchens, kam an dem verabredeten Tag mit seiner Gefolgschaft zum Festmahl. Als der Vater am Tisch saß, wurden die Speisen der Reihe nach aufgetragen. Aber das Mädchen hatte dem Koch befohlen, alle Speisen ohne Salz zuzubereiten. Welche Speisen der Sultan auch probierte, sie waren alle salzlos, und der Sultan konnte keine von ihnen essen.
Da sprang das Mädchen vom festlichen Tisch auf und sagte: „Mein Sultan, ich habe gehört, dass Sie ihre jüngste Tochter hinrichten ließen, weil es Ihnen sagte, dass es Sie so sehr wie Salz liebe.“ Ohne dem Sultan eine Gelegenheit zur Antwort zu geben fuhr es fort: "Ich bin dieses kleine Mädchen. Und ich habe sämtliche Speisen ohne Salz zubereiten lassen, damit Sie meinen Wert verstehen."
Der Sultan schämte sich für seine Tat und umarmte seine Tochter. Nun verstand er den Wert des Salzes und sie lebten von nun an in Frieden gemeinsam bis zum Tode.
Quelle: Pertev Naili Boratav, Türkische Volksmärchen, Berlin 1967, München 1990