Geschichten aus Kappadokien

Die Legende der Karamanoğlu Moschee
Geister und Feen in UçhisarDie Geisterhochzeit
Der Besuch des weisen Derwisch
Kindheitserinnerungen aus Kappadokien


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Die Legende der Karamanoğlu Moschee
Es war einmal ein Großwesir, der im Dienste des Padişahs, dem Herrscher über das gesamte Osmanische Reich, die Provinz Kappadokien bereiste. Auf seinem Weg besuchte er auch das kleine Örtchen Uçhisar. Kaum dort angekommen, bot man ihm Unterkunft und Verpflegung an, ohne dass er dies im Namen des Sultans befohlen hatte. Man führte ihn im Dorf umher, und schon bald war er eingenommen von der Gastfreundlichkeit dieser Untertanen. Wohin er auch ging, welche Familie er auch besuchte, jedermann freute sich sehr über die Ankunft des hohen Beamten.
Die Menschen von Uçhisar mochten nicht reich, manche sogar arm sein, doch die Warmherzigkeit mit der er empfangen wurde, ehrte den Wesir sehr.So war es nicht verwunderlich, dass er sich mehr und mehr für die Belange der Uçhisarlı interessierte, und er begann, sie aufmerksam zu beobachten. Zur Verwunderung Aller begleitete sie der Großwesir in ihre Gärten tief unten im Tal der Tauben, wo Äpfel-, Aprikosen- und Walnussbaume wuchsen oder zu ihren Feldern, auf denen der Wein gedieh und die Kartoffeln. Am Abend lauschte er schweigsam den Gesprächen der Dorfältesten.
Als die Zeit zum Aufbruch kam, hatte der Wesir einen Entschluss gefasst. Es sei nur Recht und billig, so dachte er bei sich, die braven Menschen von Uçhisar angemessen zu belohnen. Noch einmal rief er die Ältesten zusammen und mit dem Ausdruck tiefen Respekts auf ihren Gesichtern warteten sie still, was man ihnen zu sagen hatte.„Untertanen des erhabenen Sultans, Bürger von Uçhisar!” Er sprach laut und mit tiefer Stimme. „Zum Dank für die Gastfreundschaft, die ich hier erfahren durfte, möchte ich mich erkenntlich zeigen. Ich habe wohl bemerkt, welche Entbehrungen es euch im nächsten Winter kosten wird, uns verpflegt und untergebracht zu haben. Dafür sollt ihr Euren Lohn erhalten.“ Die Männer sahen sich überrascht an, und man hörte leises Murmeln. Langsam erhob sich der Großwesir von seinem Stuhl und mit dröhnender Stimme verkündete er: “Untertanen des erhabenen Sultans, Bürger von Uçhisar! Es ist mein Wille, dass euer Dorf eine neue Moschee haben soll. Ich wünsche, dass diese Cami an Größe und Schönheit derer in Istanbul in nichts nachsteht. Was ihr dafür benötigt, will ich euch vergüten, als meine Wiedergutmachung für eure Gastfreundschaft und eure Mühen.“
Sofort nach der Abreise des Großvesirs machten sich die Menschen an die Arbeit. Jeder, ob jung oder alt, Mann oder Frau, bot seine Hilfe an, und mit jedem Tag nahm das Gebäude an Gestalt zu. Auch der Imam begutachtete die Arbeit, und er war sehr stolz.Die Wände schmucklos aber stark und sicher, das Minarett hoch genug, um die Gläubigen zum Gebet zu rufen, und auch im Innenraum, überspannt mit Bögen aus Stein, suchte man Verschwendung vergebens. In ihrer gesamten Einfachheit war diese Moschee Ebenbild dessen, was man sich hier gewünscht hatte.
Monate später besuchte der Großwesir des Sultans noch einmal die Menschen, die er vermeintlich so reich beschenkt hatte. Schon auf der Reise von Istanbul konnte er kaum seine Neugierde zügeln, doch als er dann die Cami das erste Mal sah, traute er seinen Augen nicht. Wütend rief er aus: „Diese Moschee sieht aus wie ein Stall! Wollt ihr mich beschämen?“ Dann drehte er sich um, und während er sein Pferd bestieg, murrte er: „Aber was rede ich da. Vielleicht ist es das, was ihr verdient!“ Dann ritt er davon und die Blicke der Umstehenden folgten ihm, bis er hinter einer Kuppe verschwunden war.
Der Großvesir hatte nicht verstanden, dass Tand und Prunk für die einfachen Menschen von Uçhisar unbedeutend war. Für sie war eine einfache Moschee ein Ort, an dem die Gläubigen zum Gebet zusammenkommen konnten, ihr größter Wunsch und höchster Lohn.
Die Karamanoğlu Cami, im Dorf besser bekannt als Dutlu Cami, die Moschee mit dem Maulbeerbaum, dient den Menschen hier seit Hunderten von Jahren als Stätte des Gebets und man sagt, Inşallah, so Gott will, noch viele Jahre mehr.

